Sandro Schärer: Der eigene Vorreiter

  • 08.07.2019

Mit 31 Jahren wurde Sandro Schärer jüngst von der UEFA als zweitjüngster Schiedsrichter Europas in die Gruppe 1 befördert. Das ist für ihn und das Schweizer Schiedsrichterwesen ein wichtiger Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Schärer wird sein Pensum als Verantwortlicher für die Referee Academy des SFV deshalb leicht reduzieren.

Es ist eine Meldung, die der Schweizerische Fussballverband nicht ganz ohne Stolz verbreitet. Die UEFA hat Sandro Schärer, den 31-jährigen Schweizer Topschiedsrichter, für die neue Saison 2019/2020 in die Kategorie 1 hochgestuft. Das ist das zweithöchste Level, das seit dem Rücktritt von Massimo Busacca aus Schweizer Sicht verwaist gewesen war.

Und die Meldung löst selbstverständlich auch ein wenig Erleichterung bei den Verantwortlichen aus. Schärer selbst allerdings relativiert die Ungeduld, die sich in den letzten Jahren etwas breit gemacht hatte: «In der Realität ist es so, dass die internationale Erfahrung der ausschlaggebende Punkt ist für eine solche Beförderung.» Was er damit sagen will: Nach gerade einmal drei Jahren in der Kategorie 2 ist er nun als zweitjüngster Schiedsrichter – er wurde im Juni 31 – befördert worden. Und sagt deshalb: «Es ist für mich genau der richtige Zeitpunkt.»

Das «fehlende» Vorbild

Eine internationale Karriere dauert bis zum 45. Altersjahr – Schärer hat also noch eine ganze Weile Zeit, um den Vorstoss in die Elite-Gruppe der 25 besten europäischen Schiedsrichter anzustreben. «Das ist nun ganz klar ein Ziel von mir.» Die aktuelle Herausforderung in der Kategorie 1 geht er mit der nötigen Gelassenheit an. Er rechnet damit, dass er innerhalb der Gruppenphase der Europa League, in der er in der Vergangenheit schon Spiele leiten durfte, nun auch Partien mit mehr Bedeutung, mit entscheidendem Charakter zugesprochen erhalten wird.

Möglich wären auch erste Einsätze in der Gruppenphase der Champions League, doch hier ist Schärer bewusst zurückhaltend. Der Wettbewerb unter den Schiedsrichtern wird nun immer grösser. In der Gruppe 1 der UEFA gibt es noch 48 Schiedsrichter, knapp die Hälfte des Kaderumfangs in der Gruppe 2. Jünger als Schärer ist dort einzig der Franzose François Letexier, der zu den insgesamt 13 neu aufgenommen Referees auf dieser Stufe gehört und rund zehn Monate später geboren wurde.

Wenn Sandro Schärer vom «richtigen Zeitpunkt» spricht, dann stellt er seine Beförderung auch in Zusammenhang mit der Ausgangslage in der Schweiz. «Mir fehlte ein Vorreiter wie früher Massimo Busacca oder Urs Meier, an dem ich mich orientieren konnte, mit dem ich als vierter Offizieller hätte mitgehen und profitieren können. Ich hätte eigentlich der Lehrling sein sollen.» Stattdessen war Schärer in den letzten beiden Jahren selbst die führende Person, auf der viele Erwartungen und auch der entsprechende Druck lasteten. Sein eigener Vorreiter sozusagen.

Nationale Blitzkarriere

Schärer war nach seiner Ausbildung zum Referee 2005 innerhalb von nur sechs Jahren bis in die 1. Liga geklettert. Mit noch nicht einmal 24 Jahren pfiff er seine ersten Spiele in der Challenge League, ein Jahr darauf schon in der Super League, wenige Monate später war er FIFA-Schiedsrichter. Das ist eine rasante Karriere, die natürlich in erster Linie seinem Talent zur Spielleitung und seiner Persönlichkeit zuzuordnen ist. «International kann das alles gar nicht so schnell gehen, denn die Schiedsrichterei ist ein Erfahrungsjob», sagt er nun. Er ergänzt, dass man in den letzten Jahren fast etwas zu viel von ihm erwartet hätte und der Faktor Zeit etwas in den Hintergrund gerückt sei.

Per 1. September 2016 übernahm er die Leitung der Referee Academy, dem Talentförderprogramm des SFV für Schiedsrichter. Der 50-Prozent-Job ermöglichte ihm durch zusätzliche Ressourcen, seine internationale Karriere voranzutreiben. Eine Vorbildfunktion hatte er als Schweizer Nummer 1 schon in den letzten Jahren, mit der jetzigen Beförderung akzentuiert sich diese Verantwortung noch zusätzlich. Es ist indes eine Rolle, die er kennt und vor der er sich weder drückt noch fürchtet: «Es ist nun eine zusätzliche Verpflichtung für mich, der ich mir noch bewusster werden muss.»

Im Zuge seiner neuen Stellung auf internationaler Ebene wird er sein Pensum beim SFV um weitere zehn Prozent reduzieren können. Er wird dann zu 60 Prozent aktiver Referee sein. «Der Status muss laufend überprüft werden, denn die Anforderungen an die FIFA-Schiedsrichter, auch im Zusammenhang etwa mit dem VAR, aber auch was die Ausbildung und die Präsenzzeiten betrifft, werden immer höher.»

«Ich bin bereit», sagt Schärer zu seinen neuen Herausforderungen. Fragt man ihn über die Gründe seiner Beförderung, fällt sofort das Wort «Konstanz». «Diese ist ausschlaggebend auf diesem Niveau – und natürlich darf man sich keine spielbeeinflussenden Fehler leisten.» Das ist ihm in der abgelaufenen Saison, in der er unter anderem das Länderspiel Deutschland - Russland und den Halbfinal der UEFA Youth League zwischen dem FC Barcelona und Chelsea leiten durfte, gelungen. Nun hat er noch 14 Jahre seiner
internationalen Karriere vor sich.

Seiner Philosophie wird er auch da treu bleiben: «Als Schiedsrichter gilt noch mehr als für andere: Jedes Spiel beginnt für dich wieder bei Null. Man kann sich auf keiner Position ausruhen.»

(ds/Rotweiss)

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