Die englischen Anfänge des Schweizer Fussballs

Als Ernest A. Westermann, Captain und Repräsentant des Grasshopper Club Zürich, im Februar 1895 ein Schreiben an die damals schon bestehenden Fussballvereine in der Schweiz richtete, legte er damit die Grundlage für die spätere Gründung der Schweizerischen Fussball-Association (SFA), dem heutigen Schweizerischen Fussballverband SFV. Auf einer Liste konnten sich jene Vereine, die an einer Gründung eines Verbandes interessiert waren, eintragen.

Am 7. April 1895, um 2 Uhr nachmittags, trafen sich 13 Männer im Bahnhofbuffet Olten, dort wo zuvor schon der Schweizerische Alpen-Club (SAC), der Gewerkschaftsbund oder die Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz ins Leben gerufen worden waren. An der Versammlung waren sieben Vereine vertreten, neben dem Grasshopper Club auch der 1879 gegründete FC St. Gallen – heute der älteste noch bestehende Fussballverein auf dem europäischen Festland, der FC Excelsior Zürich (der später mit dem FC Zürich fusionierte) sowie die Westschweizer Clubs Lausanne Football & CC, La Villa FC Ouchy, Neuchâtel Rovers FC und der Yverdon FC. Das sind die direkten Gründungsclubs der SFA, Unterstützung in Abwesenheit gab es indes auch durch den FC Basel (der sich durch GC vertreten liess…), den zürcherischen Anglo-American FC und den La Châtelaine FC (ihre Vertreter waren in den Ferien) und den La Villa Longchamp FC, der keinen Grund für sein Fernbleiben mitteilte.

Genehmigt wurden an dieser konstituirenden ersten Sitzung gleich die Verbandsstatuten, die sich in zwölf Paragrafen den Regeln der englischen Football-Association verschrieben. Die Zusammensetzung des ersten Komitees zeigt, wer damals im Schweizer Fussball das Sagen hatte: erster Präsident wurde Emil J. Westermann (GC), die weiteren Mitglieder waren Thomas Lawton Kilham (Lausanne Football & CC), John Tollmann (FC Basel), J. W. Seymur Hosley (La Villa FC Ouchy) und Edmund L. Davies (Yverdon FC). Der Fussball war damals in der Pionierzeit geprägt von englischen Studenten an Schweizer Schulen und Internaten, insbesondere in der Westschweiz.



Erster Präsident der Schweizerischen Fussball-Association: Emil J. Westermann

Die Verbandsarbeit der ersten Monate verlief gemächlich – es ging primär darum, dass alle Vereine in der Schweiz, ob dem Verband angeschlossen oder nicht, ihre Freundschaftsspiele unter halbwegs einheitlichen Regeln bestreiten würden. Die englischen FA-Regeln wurden übersetzt und allen Clubs zugestellt. Das wars im Prinzip. Erst im Frühjahr 1897 kam Bewegung in den Schweizer Fussball. Die Genfer Sportpioniere Aimé Schwob und François Dégerine gründetn mit der „La Suisse Sportive“ die erste Sportzeitung der Schweiz und fanden mit der Champagner-Firma Ruinart einen Sponsor für eine gesamtschweizerische Meisterschaft. Die SFA wollte allerdings von einem solchen Format noch nichts wissen, Präsident Westermann erklärte, dass es „den meisten Clubs eine absolute Unmöglichkeit ist, in Folge ihrer finanziellen und geschäftlichen Verhältnisse grössere Reisen auszuführen“.

Die erste inoffizielle Schweizer Meisterschaft 1897/98 begann so ohne das Zutun der Schweizerischen Football-Association, die stattdessen der englischen FA beitrat, dort Regelbüchlein bestellte und sie den Vereinen in der Schweiz gratis verteilte. Der Meistertitel der Grasshoppers, die im Frühjahr 1898 in den Finalspielen La Villa Longchamp Lausanne und La Châtelaine schlugen, wird deshalb noch heute nicht überall mitgewertet.

In der Folgesaison entschied die „Union“, wie die SFA damals oft genannt wurde, die Meisterschaft selbst durchzuführen. Allerdings nicht mehr unter dem Titel „Challenge Ruinart“, denn die Reklame für Champagner wurde von den Delegierten als „unmöglich“ eingestuft, auch wenn damals feucht-fröhliche Treffen der beiden Teams nach den Spielen zur Tagesordnung gehörten. Und so wurde im Frühjahr 1899 der Anglo-American Club Zürich erster offizieller Schweizer Fussballmeister unter dem Dach der SFA.

In jener Saison fand am 4. Dezember 1898 auf dem Basler Landhof auch das erste inoffizielle Länderspiel einer Schweizer Auswahl statt. Gegen Süddeutschland resultierte ein 3:1-Erfolg, Schiedsrichter war kein Geringerer als der erste Schweizer Verbandpräsident Emil J. Westermann, der sein Amt inzwischen an Paul Kehrli vom FC Bern übergeben hatte.

Erst am 12. Februar 1905 gab es in Paris das erste offizielle Länderspiel der Schweiz (0:1 gegen Frankreich). Zu jenem Zeitpunkt waren der SFA noch immer erst 26 Vereine angeschlossen. 1913 übernahm der Verband seinen heutigen Namen „Schweizerischer Fussballverband“ (SFV), der zwischen 1918 und 1958 nach einer Fusion als Schweizerischer Fussball- und Athletikverband (SFAV) firmierte.

(das/alle Bilder: „Das goldene Buch des Schweizer Fussballs“, Paul Ruoff, Verlag Domprobstei Basel, Herausgeber Gottfried Schmid (Zürich), 1953)

Schreiben von Ernest A. Westermann an die Fussballvereine der Schweiz im Februar 1895:

Messieurs,

Depuis longtemps il s'est montré parmi tous les joueurs de "football" en Suisse la tendance de former une association, dont le but serait d'unir tous les clubs sous les mêmes règles afin d'éviter toutes les difficultés entre les clubs, qui malheureusement sont devenu assez fréquentes pendant les dernières saisons.

C'est pour cela que les soussignées ont l'honeur de venir vous demande de bien vouloir signer la liste ci-jointe des clubs qui desirent former la dite association sur la base du réglement inclu.

Il va sans dire que ce réglement n'est nullement définitiv et qu'il sera réservé à l'assemblée des délégués qui aura bien tout de suite après la clôture de la liste d'émettre les règles définitives.

Nous éspérons que notre projet trouve votre approbations et nous vous prions de vouloir agréer nos salutations cordiales.

Pour le Grasshopperclub Zürich:
Ernest A. Westermann, Captaine
Zürich, février 1895.

 

Meine Herren,
Seit Langem gibt es unter allen Fußballspielern in der Schweiz die Tendenz zur Bildung eines Verbandes, dessen Ziel es wäre, alle Vereine nach den gleichen Regeln zu vereinen, um alle Schwierigkeiten zwischen den Vereinen zu vermeiden, die leider in den letzten Saisons ziemlich häufig geworden sind.
Aus diesem Grund haben die Unterzeichnenden die Ehre, Sie zu bitten, die beigefügte Liste der Vereine zu unterzeichnen, die den Verband auf der Grundlage der beigelegten Bestimmungen gründen möchten.
Es versteht sich von selbst, dass diese Vorschriften in keiner Weise endgültig sind und der Delegiertenversammlung vorbehalten bleiben, die unmittelbar nach Abschluss der Liste die endgültigen Regeln erlassen muss.
Wir hoffen, dass unser Projekt Ihre Zustimmung findet und bitten Sie, unsere herzlichen Grüsse anzunehmen.


Für den Grasshopperclub Zürich:
Ernest A. Westermann, Captaine
Zürich, Februar 1895.

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