
Die Kriegsmeisterschaften
von Christian Koller
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, ausgelöst durch den deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939, war auch für die Schweiz ein Schock, obwohl die internationalen Zeichen schon seit einiger Zeit auf Krieg gestanden hatten. Die Vereinigte Bundesversammlung wählte am 30. August den Stabsoffizier Henri Guisan zum Oberbefehlshaber der Armee. Am 2. September erfolgte die allgemeine Kriegsmobilmachung. Die Landesausstellung in Zürich, in deren Rahmen auch die Fussball-Nationalmannschaft zu Repräsentativspielen gegen Auswahlteams aus den Nachbarländern angetreten war, wurde für einige Tage geschlossen. Die allgemeine Mobilmachung brachte den regulären Meisterschaftsbetrieb zum Stillstand, an seiner Stelle wurde eine improvisierte Mobilisationsmeisterschaft ohne automatischen Auf- und Abstieg angesetzt. Deren Durchführung gelang nicht zuletzt dank der Protektion des «Fussball-Heiri», wie der sportbegeisterte General in Sportlerkreisen auch genannt wurde.
Trotz der Sympathie des Generals hatte es der Fussball in der Folgzeit nicht einfach. In der Propaganda für die «Anbauschlacht», die nur teilweise erfolgreichen Bemühungen, durch Anspannung aller Kräfte die Autarkie in der Lebensmittelversorgung zu erlangen, spielten Bilder von in Kartoffeläcker umgewandelten Fussballplätzen eine zentrale Rolle. Dies trotz ihrer real verschwindend geringen Bedeutung: Die Gesamtfläche aller Schweizer Fussballfelder machte zusammengenommen gerade mal 0,62 Prozent des vom «Plan Wahlen» für den Mehranbau geforderten Ackerlandes aus. Die Botschaft dieser Bilder an die Bevölkerung aber war klar: Für die Dauer des Krieges hatte das Vergnügen des Spiels hinter die Notwendigkeit der Lebensmittelproduktion zurückzutreten.
Allerdings erkannten die Behörden rasch die Bedeutung des Sports für die Aufrechterhaltung der Moral in Armee und Zivilbevölkerung. So veranstaltete die Armee-Sektion «Heer und Haus» nebst Vorträgen, Film- und Radiovorführungen und politischen «Aufklärungskursen» auch zahlreiche Sportanlässe. Wichtig war insbesondere das Fussballspiel in der Armee, das durch publikumswirksame Partien zwischen grösseren Einheiten bewusst gefördert wurde. So trafen etwa im Juni 1941 in Lausanne die Auswahlen der 1. Division und der Gebirgsbrigade 10 aufeinander. Beide Teams konnten mit mehreren National-Liga-Spielern in ihren Reihen aufwarten.
Der Sport wurde in der Kriegszeit zu einem integralen Bestandteil der «Geistigen Landesverteidigung», jener politisch-kulturellen Strömung, die bereits im Verlaufe der Dreissigerjahre immer wichtiger geworden war. Seit der Nazi-Machtübernahme in Deutschland im Januar 1933 hatten Politiker, Intellektuelle und Medienschaffende immer eindringlicher Massnahmen zur Stärkung der kulturellen Grundwerte der Schweiz gefordert. Eine offizielle Formulierung erhielten diese Bestrebungen 1938 in der bundesrätlichen «Botschaft über die Organisation und die Aufgaben der schweizerischen Kulturwahrung und Kulturwerbung», die als Antwort auf die totalitäre Kulturpropaganda der faschistischen Staaten und der Sowjetunion als Grundwerte der Eidgenossenschaft die Zugehörigkeit zu drei europäischen Kulturräumen, die kulturelle Vielfalt, den föderalistischen Charakter der Demokratie und die Ehrfurcht vor der Würde und Freiheit des Menschen betonte. Dafür sollte im In- wie im Ausland geworben werden. (...)
